20 Jahre Schwangerschaftsabbrüche in Salzburg
Quelle: Unser Land 4/2005, Seite 3
Ein jahrelanger Kampf um eine gute Lösung war erfolgreich
Seit 1. April 2005 brauchen sich Frauen in Salzburg nicht mehr zu genieren, wenn sie eine ungewollte Schwangerschaft beenden möchten. Sie brauchen nicht länger Reisen in andere Bundesländer zu unternehmen, Ausreden zu erfinden, sich frei zu nehmen etc., denn seit diesem Tag sind in Salzburg in der Universitätsklinik Schwangerschaftsabbrüche anonym und in geschütztem Rahmen möglich – endlich.
Zu verdanken ist dies der ehemaligen Landeshauptfrau, Gabi Burgstaller (SPÖ), und Petra Schweiger, damals Klinische Psychologin am Frauengesundheitszentrum „Isis“, denen die Schicksale verzweifelter Frauen nicht egal waren. „Im Sommer 2004 fragte mich Gabi Burgstaller, ob wir gemeinsam eine Lösung für Frauen finden könnten, die sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschließen mussten, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – ein (weiteres) Kind nicht ins Leben begleiten konnten.“
Zuvor war es – trotz der 1975 erfolgten gesetzlichen Freigabe („Fristenlösung“) – extrem mühsam gewesen, an eine Adresse zu kommen, denn fundamentalistische kirchliche, konservative und rechte Kreise unternahmen alles, um es zu verhindern, und bedienten sich dabei befreundeter Journalisten. Als sich schließlich im Jahr 2001 ein sehr bemühter holländischer Arzt bereitfand, in einer kleinen Ordination Abtreibungen durchzuführen, wurde er nach Kräften gemobbt und ihm so lange Steine in den Weg gelegt, bis er schließlich aufgeben musste.
„Eine Frage der Würde“
Doch Gabi Burgstaller gingen die Schicksale bedrängter Frauen nahe und sie akzeptierte nicht, dass diese in einer so schwierigen Situation alleine gelassen und ausgegrenzt und ihrer Entscheidungsmöglichkeiten für eine Beendigung einer ungewollten Schwangerschaft beraubt wurden. Die Situation war auch für sie als engagierte Politikerin nicht leicht zu bewältigen, beispielsweise wenn ihr Büro mit Unmengen von Babyschuhen geflutet und sie selbst persönlich, in anonymen Briefen oder gar Plakatkampagnen verunglimpft wurde. Sie bekam Zuspruch von betroffenen Frauen, ließ Befragungen durchführen, schrieb ein Tagebuch, um ihre eigenen Gefühle abzuarbeiten, wurde von politischen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern und ihrem Freundeskreis unterstützt und bestärkt. Sie gab nicht auf. Es war ihr ein Anliegen, eine ehrliche, gerechte und medizinisch hochwertige Lösung für hilfesuchende Frauen zu finden und durchzusetzen: „Wir sind den Frauen ein würdevolles Angebot schuldig – und meistens sind die Betroffenen ja aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Da es seit 1975 eine gesetzliche Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches gibt, muss es auch einen Weg dazu geben.“
„Wir wollten von den besten Erfahrungen aus den anderen Bundesländern lernen“
Dabei kamen Burgstaller und Schweiger auch an den Gynäkologen und Wissenschafter Dr. Christian Fiala, der im Jahr 2003 die Familienplanungsklinik Gynmed in Wien gegründet hatte. Im Jahr darauf organisierte er ebenfalls in Wien einen Kongress der Internationalen Vereinigung von Fachkräften und Verbänden zu Schwangerschaftsabbruch und Kontrazeption (FIAPAC). Mit beiden Initiativen holte er das Thema aus der Schmuddelecke und hob es auf ein hohes soziales, medizinisches und wissenschaftliches Niveau. Das gab Burgstaller und Schweiger den Anstoß, ihn zuerst als Berater und schließlich als Ärztlichen Leiter der Salzburger Gynmed-Ambulanz einzuladen.
Dank Burgstallers Energie und Kontakte wurden Räumlichkeiten innerhalb der Salzburger Universitätsklinik – jedoch unabhängig von der Gynäkologischen Abteilung – gefunden und im kurzen Zeitraum von 4 Monaten entsprechend umgebaut. Der Anfang war schwierig, denn Demonstrationen und böswillige und falsche Zeitungsberichte liefen Sturm und verbreiteten falsche Mythen. Dazu Schweiger: „Doch wir profitierten von der Lage des Spitals mit den vielen verstreuten Gebäuden, denn niemand kann erkennen, warum eine Frau das Klinikgelände betritt. Zum zweiten ist es Privatgelände, auf dem Kampfbeter nichts zu suchen haben, hinausgewiesen und mit Anzeige bedroht, notfalls von den Security-Leuten zum Ausgang begleitet werden, denn es geht darum, unsere Patientinnen zu schützen und zu beschützen.“
Es läuft seit 20 Jahren gut
Der Betrieb findet jeweils Freitag und Samstag statt. Seit Beginn werden die betroffenen Frauen durch ein engagiertes, warmherziges und professionelles Team psychologisch, medizinisch und pflegerisch gut und kompetent betreut. Schwierigkeiten gab es allerdings bei der Suche nach mitarbeitenden Ärztinnen und Ärzten, weil ein großer sozialer Druck auf ihnen lastete und zum Teil noch immer lastet, sodass sich nur eine Gynäkolog/in aus Salzburg getraut hat. Daher reisten und reisen Fiala oder ein Kollege jedes Wochenende aus Wien an.
Gabi Burgstaller: „Das Salzburger Ambulatorium für Schwangerschaftsabbrüche hat sich bewährt und ist irreversibel.“ Dazu Petra Schweiger: „Wichtig war und ist weiterhin die Kontaktpflege und Informationsarbeit mit politischen, medizinischen und sozialen Einrichtungen, mit niedergelassenen ÄrztInnen etc. Das hat mitgeholfen, über die Jahre die aufgewiegelte politische Atmosphäre aufzulösen und Einsichten zu schaffen.“
Und Fiala: „Trotz mancher irreführenden Medienberichte wurde im Laufe der Jahre anerkannt, dass für Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft ein Abbruch in manchen Situationen die richtige Lösung darstellt. Die Aufgabe unserer Gesellschaft und der Politik besteht darin, dafür die notwendigen Strukturen zur Verfügung zu stellen.“
Zu erwähnen ist noch, dass das Gynmed Salzburg jährlich eine detaillierte Statistik zusammenstellt und veröffentlicht, die auch für andere Bundesländer beispielgebend ist.
Medienberichte zur Gynmed Ambulanz in Salzburg seit der Eröffnung 2005
4.4.2005
Salzburg: Abtreibungs-Ambulatorium im Landeskrankenhaus eröffnet
www.derstandard.at
30.3.2006
Salzburg: Starker Zulauf bei Gynmed Ambulanz
www.derstandard.at
24.5.2007
Streit um Abtreibung eskaliert: "Diener des Todes" vs. "katholische Hardliner"
www.wienerzeitung.at
26.1.2010
Abtreibungsklinik für Frauenpreis nominiert
www.derstandard.at
11.5.2013
Gynmed Ambulanz stark frequentiert
www.salzburg.orf.at
4.8.2015
Salzburger Abtreibungsklinik ist schwer zu finden
www.derstandard.at
11.8.2015
In zehn Jahren knapp 9000 Abtreibungen
www.sn.at
8.8.2018
Gynäkologe Fiala: "Die Familienpolitik ist zynisch bis bösartig"
www.derstandard.at
3.12.2020
Stellungnahme zur Bürgerinitiative „Fakten helfen“
www.parlament.gv.at
11.7.2022
Schwangerschaftsabbrüche - Lage in Salzburg
www.meinbezirk.at
12.1.2023
Gynäkologe fordert rezeptfreie Abtreibungspille
www.salzburg.orf.at
1.12.2023
Petition im Landtag – Warum das Tabuthema Abtreibung in Salzburg mehr Aufmerksamkeit braucht
www.salzburg24.at
10.1.2024
Bericht zur Petition „Angebot und Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen in allen öffentlichen Krankenanstalten“
www.salzburg.gv.at [pdf]
6.3.2024
Schwarz-Blau will Anzahl der Abtreibungen in Salzburg senken
www.sn.at
12.4.2024
Gynäkologe Christian Fiala kritisiert: "Die Bedürfnisse der Frauen zählen nicht"
www.sn.at
26.3.2025
10 Jahre Gynmed Ambulatorium auch in Salzburg
www.ots.at
11.5.2025
"Das" feierte am Schauspielhaus Salzburg Uraufführung: Schwangerschaftsabbruch inmitten der Realität
www.sn.at
27.5.2025
Was brauchen Frauen? Perspektiven und Praxis des Schwangerschaftsabbruchs – Podiumsgespräch
www.schauspielhaus-salzburg.at [Webarchiv]
18.7.2029
Zwei Abtreibungen pro Tag im Land Salzburg
www.salzburg24.at